Abendroth-Haus: Wo junge Mutter Halt und Geborgenheit finden

Abendroth-Haus: Wo junge Mutter Halt und Geborgenheit finden

Abendroth-Haus: Wo junge Mutter Halt und Geborgenheit finden

Tonya (19) wohnt mit ihrer Tochter Alina (1) ebenso wie Charline (21,r.) in der Mutter-Kind-Einrichtung des Abendroth-Hauses in Eidelstedt. Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Es gibt eine Spielecke mit gemutlichem Sofa im Gemeinschaftsraum, von dem man in den gro?en Garten des Eidelstedter Einfamilienhauses schauen kann. Ein liebevoll gebastelter Adventskalender mit bunten Packchen hangt quer im ehemaligen Wohnzimmer, das auch als Buro der Sozialpadagoginnen Sophia Hilleberg und Stephanie Olsson dient.

Es gibt Tee und Kekse und eine warme familiare Atmosphare ist sofort spurbar, wenn man das Haus betritt. Olsson und Hilleberg sind zwar kein Familienersatz, aber dennoch sind sie es, die den vier Bewohnerinnen und ihren kleinen Kindern Halt, Trost und Geborgenheit bieten – etwas, das die jungen Mutter selten oder nie erfahren haben.

Vom Burgermeister Abendroth 1821 gegrundet

Sie leben in dieser kleinen Einrichtung „entweder, weil sie Hilfe selbststandig gesucht haben, oder – wie die meisten unserer t zu uns geschickt wurden, damit wir ihnen bei der Erziehung des Kindes und im Alltag zur Seite stehen“, sagt Marion Thom, Geschaftsfuhrerin bei der Stiftung Abendroth-Haus, die seit genau 200 Jahren schwangeren Frauen hilft und sie begleitet, bis sie mit ihren Kindern ihren eigenen Weg gehen konnen.

Mit „sittlich gefahrdeten Madchen“, die durch Dienstherren oder als Prostituierte schwanger wurden, begann die alteste freie Jugendhilfeeinrichtung Hamburgs. Als Magdalenenstift wurde sie von Senator und Burgermeister Amandus Augustus Abendroth, einem weit blickenden Reformer, 1821 gegrundet. Heute ist das Abendroth-Haus Spezialist fur Mutter-Kind-Hilfen und hat 37 stationare Platze fur junge Frauen mit deren Kindern – finanziert durch das Stiftungsvermogen und das Jugendamt, das bis zu 6000 Euro pro Monat fur die Betreuung einer jungen Mutter ausgibt. „Die meisten sind zwischen 18 und 23 Jahre alt, aber in unserem Stellinger Haus wohnen auch Madchen ab 14, dann allerdings in einer Rund-um-Betreuung“, sagt Marion Thom (61).

Eine Rund-um-Betreuung benotigt Tonya nicht. Die 19-Jahrige ist es gewohnt, fur sich selbst zu sorgen. „Liebe, Zuneigung – was ist das? Meiner Mutter ist egal, was ich mache“, sagt sie. Ihre Mutter sei immer mehr mit sich selbst beschaftigt gewesen, „deswegen musste ich mit 13 auch mal in eine Wohngruppe, weil meine Mutter einen Entzug machen musste“, erzahlt die Jugendliche freimutig und auch, dass bei ihnen zu Hause immer eine schreckliche Unordnung geherrscht habe.

Anzeige wegen Kindeswohlgefahrdung

Der Grund, warum sie mit ihrer einjahrigen Tochter Alina seit einem halben Jahr in der Mutter-Kind-Einrichtung wohnt, ist, dass das Jugendamt mitten in der Nacht kam und sie und Alina mitnahm. „Meine Mutter hatte vergessen, den Strom zu bezahlen, und es gab wohl eine anonyme Anzeige wegen Kindeswohlgefahrdung“, sagt Tonya, die selber noch sehr kindlich wirkt.

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Sie fuhlt sich sichtlich wohl in dem Einfamilienhaus. Hier hat sie – wie alle anderen – zwei eigene Zimmer, Bad und Kuche zur Verfugung. Ihr Bereich ist blitzsauber. Das war lange keine Selbstverstandlichkeit fur sie. „Wir mussten Tonya erst einmal erklaren, wie man putzt und Ordnung halt“, sagt ihre Betreuerin Stephanie Olsson, die als Alleinerziehende gro?es Verstandnis fur die Probleme ihrer Schutzlinge hat.

Die Betreuerinnen geben den Frauen Struktur im Alltag

Insgesamt drei Sozialpadagoginnen betreuen die Wohngemeinschaft von 9 bis 17 Uhr, unterstutzen intensiv bei der Erziehung der Kinder, helfen bei behordlichen Formularen und Besuchen und geben den jungen Frauen eine Struktur im Alltag vor. Sie versuchen ihnen auch eine Perspektive neben der reinen Mutterrolle zu geben, die fur viele der jungen Frauen die einzige Lebensaufgabe zu sein scheint.

Marion Thom kennt etliche junge Frauen, deren Mutter schon vom Abendroth-Haus betreut wurden. „Viele unserer Mutter haben nie selbst Liebe oder eine heile Familie erlebt, sie bekommen ein Kind, weil sie von ihm diese bedingungslose Zuneigung erhoffen. Doch Babys schreien auch, fordern Aufmerksamkeit“, sagt sie.

Uberfordert nach der Fruhgeburt

Charline (21) fuhlte sich anfangs vollkommen uberfordert mit ihrem kleinen, zu fruh geborenen Sohn Logan (2). Als sie mit 18 ungewollt schwanger wurde, hatte sie kein Zuhause, wohnte mal bei Freunden oder ihrer Schwester – mit den Eltern war sie verkracht.

„Es gab so viele Probleme zu Hause“, deutet sie an. Ihr Vater ist arbeitslos, die Stiefmutter Altenpflegerin, insgesamt hat Charline acht Geschwister. Sie ist die Zweitalteste. „Ich habe fur alle gesorgt, den Haushalt gefuhrt, meine kleineren Geschwister mit aufgezogen. Ich kann gut mit Kindern, aber als Logan nach dem Notkaiserschnitt zur Welt kam, viel schrie, ich kaum Schlaf bekam, da konnte ich nicht mehr. Ich bekam psychische Probleme“, sagt die junge, sehr reif wirkende Frau.

Gerne mehr Unterstutzung von der Familie

Sie hatte sich mehr Unterstutzung und Zuspruch von ihrer Familie gewunscht. Als diese ausblieb, zog sie in die Mutter-Kind-Einrichtung nach Eidelstedt. „Meine Familie hatte viel zu tun mit dem Jugendamt, deswegen habe ich mich dorthin gewandt und hier dann schnell einen Platz bekommen.“ Sie ist spurbar dankbar fur die Hilfe, die sie hier bekommt. Leise sagt sie, dass sie nicht wisse, ob sie ihren kleinen Jungen sonst behalten hatte. „Ich habe so viele Erziehungstipps erhalten, konnte Logan auch mal abgeben. Ich habe das Rustzeug bekommen, um alleine weiterzugehen.“ Charline ist kurz vor dem Umzug, wird kunftig in einer Zweizimmerwohnung wohnen.

Derweil ist Tonya ins Gemeinschaftszimmer gekommen und fragt Betreuerin Stephanie Olsson, ob sie denn nun zur wochentlichen Zimmerkontrolle komme. „Ich habe ganz toll aufgeraumt, das will ich dir doch zeigen“, sagt die Jugendliche und rennt die Treppe hinauf – ausgelassen wie ein Kind.

Infos rund um das Abendroth-Haus

Es gibt funf Standorte in Hamburg, in denen junge Mutter und deren Kinder entweder Teil- oder ferzu Vollzeit in tragereigenen und gemieteten Wohnungen oder Wohngemeinschaften betreut werden. Familienhebammen und STEEP-Beraterinnen (Erziehungshilfe) unterstutzen die Arbeit der Mutter-Kind-Angebote. Zudem bietet die Stiftung ambulante Einzel- und Familienhilfen an.

In Bramfeld gibt es zusatzlich „Fruhe Hilfen“-Projekte. Dort finden Familien mit Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren offene Treffpunkte, Kurse und Beratung. Hilfen werden uber das Jugendamt bewilligt und finanziert.

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